Wann sprechen wir endlich vom Matriarchat?

Unsere Welt neu denken

Welche gesellschaftlichen Strukturen stecken hinter den großen Krisen unserer Zeit?
Kriege, Gewalt, extreme Vermögenskonzentration, Klimawandel und Artensterben – die Liste ist lang. Bereits seit den 1970er-Jahren warnen Feministinnen vor den zerstörerischen Folgen patriarchaler Machtverhältnisse. Was damals oft als radikal oder überzogen abgetan wurde, wirkt heute im Angesicht der sich zuspitzenden globalen Krisen erstaunlich vorausschauend.

Diese Debatte, die längst ein zentraler Bestandteil feministischer Theorie und Kritik geworden ist, greift die Autorin Gertraud Klemm in ihrer lesenswerten Streitschrift Abschied vom Phallozän erneut auf. Darin argumentiert sie, dass nicht „der Mensch“ im Allgemeinen für die ökologischen und sozialen Verwerfungen der Gegenwart verantwortlich sei. Vielmehr sei es ein über Jahrtausende aufgebautes patriarchales System aus Macht, Vorherrschaft und Ausbeutung, das die Erde in ihre heutigen Krisen geführt habe. Klemm plädiert deshalb dafür, die Ursachen der globalen Probleme nicht abstrakt der Menschheit zuzuschreiben, sondern die spezifischen Machtstrukturen zu benennen, die sie hervorgebracht haben.

Klemm fordert uns auf, den Blick zu weiten und die gesellschaftlichen Strukturen, die diese Krisen immer wieder hervorbringen, zu hinterfragen und neu zu bewerten.

Das Phallozän – Patriarchat außer Rand und Band

Denn dieses System prägt unsere Gesellschaften auf vielen Ebenen: in geschlechtsspezifischen Rollenbildern, in männlich geprägten Familienstrukturen, in der kulturellen Vorrangstellung von Männern sowie in ihrer Dominanz in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Die Aufwertung des Männlichen funktioniert dabei nur, wenn das Weibliche gleichzeitig abgewertet oder ausgegrenzt wird.

So tief sind diese Strukturen in unserem Denken verankert, dass wir uns eine Welt ohne männliche Führungsfiguren, ohne Zwang und Gewalt, ohne starre Hierarchien kaum noch vorstellen können. Doch genau diese Vorstellung stellt Klemm infrage. Ein Blick in Geschichte und Gegenwart zeigt: Gesellschaften können auch anders organisiert sein.

Matriarchale Gesellschaften

Schon zu Beginn ihrer Abhandlung stellt sie einige grundlegende Fragen: „Wenn das Patriarchat nicht älter als ein paar Tausend Jahre ist, welche Gesellschaftsformen haben dann davor bestanden? Was können wir von gegenwärtigen Matriarchaten lernen? Und inwiefern taugt das Studium des Matriarchats zum Entwurf von Visionen für die so dringend benötigte Trendwende in unserer Weltsicht?“ Damit richtet sie den Blick auf matriarchale Gesellschaften – historische wie gegenwärtige – und öffnet damit den Horizont des Vorstellbaren. Ihre Existenz zeigt: Unsere gegenwärtige Ordnung ist nicht alternativlos.

Die Dekonstruktion des Patriarchats

Darauf folgt eine Analyse der Mechanismen, die das Patriarchat stabilisieren. Klemm beschreibt, wie verschiedene Denk- und Herrschaftsformen miteinander verflochten sind: die Ungleichheit der Geschlechter, der Anthropozentrismus – also die Vorstellung, der Mensch stehe über der Natur – sowie politischer und geistiger Imperialismus, oft in Form von Kolonialismus, bei dem sich ein Volk über andere erhebt. Zusammengenommen legitimieren diese Denkmuster den Ausschluss großer Teile der Menschheit von Macht und Entscheidungsprozessen. Im Kapitel mit dem Namen „Patriarchatskritik auf halbem Wege: Wir sind teilweise schon weiter, als wir denken“ erinnert Klemm daran, dass viele Herrschaftssysteme einst ebenso unveränderlich erschienen wie heute das Patriarchat: Monarchien, Leibeigenschaft oder Rassentrennung etwa. Und doch wurden sie überwunden. Warum also sollte gerade das Patriarchat eine Ausnahme bilden?

Was zu tun ist

Am Ende fordert die Autorin dazu auf, zu „Hinterfragen, Empören, Fordern: Was konkret zu tun ist“. Sie plädiert dafür, den Kulturbetrieb zu entpatriarchisieren, Lehrpläne zu modernisieren, Forschung und Medizin stärker zu diversifizieren und die wirtschaftlichen Kosten des Kapitalismus realistischer zu berechnen. Auch ein geschärfter Blick auf Geschichte und Erinnerung ist dabei notwendig. Klemm plädiert dafür, Frauen ihre Geschichte zurückzugeben – also auch jene Erfahrungen sichtbar zu machen, die in den klassischen, historischen Erzählungen von Schlachten, Herrschaft, Ländergrenzen und Erbfolgen lange kaum vorkamen. Dazu gehört auch die Erinnerung an sexualisierte Gewalt in Kriegen. Denn systematische Vergewaltigungen gehören bis heute zu den „mächtigsten und brutalsten Kriegswaffen, die auch noch Generationen später in den Frauen und ihren Familiensystemen nachwirken“. Gerade in einer Zeit, in der Konflikte weiterhin mit Waffen ausgetragen werden, zeigt sich, wie wichtig es ist, auch diese Erfahrungen in unserer Erinnerungskultur sichtbar zu machen.

Eine neue Welt entwerfen

Klemms Essay ist nicht nur Kritik. Es geht vor allem darum, neue Denkräume zu öffnen. Indem sie den Blick auf andere Formen des Zusammenlebens richtet und nach alternativen gesellschaftlichen Modellen fragt, lädt sie dazu ein, das scheinbar Selbstverständliche neu zu betrachten und sich eine Welt jenseits patriarchaler Strukturen wieder vorstellen zu können. Denn Veränderung beginnt genau dort – bei der Vorstellung, dass die Welt auch anders sein könnte. Die Lektüre des 136 Seiten starken Essays lädt dazu ein, über alternative Gesellschaftsmodelle nachzudenken.

Denn, wie Gertraud Klemm eindringlich klar macht:
„Das Patriarchat ist kein Naturgesetz. Hören wir auf, es als eines zu behandeln.“

Gertraud Klemms “Abschied vom Phallozän. Eine Streitschrift” ist 2025 bei Matthes & Seitz Berlin erschienen.

Sandra KOZESCHNIK

Sandra Kozeschnik ist unabhängige Beraterin mit langjähriger internationaler Erfahrung im Bereich Menschenhandel und organisierter Kriminalität. Sie arbeitet vor allem für die Vereinten Nationen und unterstützt Regierungen und zivilgesellschaftliche Akter*innen bei der Entwicklung und Umsetzung von Strategien und Programmen gegen Ausbeutung und für mehr Gerechtigkeit.

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