Iran am Scheideweg
Der Streik der Geschäftsleute (Bazaris) in Teheran Ende Dezember 2025 war der sechste landesweite Aufstand seit 1979. Auslöser waren der massive Verfall des Rial und die steigende Inflation; ein staatlich gestütztes Dollar-System im Außenhandel brach zusammen. Der US-Finanzminister Scott Bessent bezeichnete die Sanktionen Washingtons gegen den Iran als eine Form der „Wirtschaftspolitik“ und räumte während des Weltwirtschaftsforums in Davos ein, dass die Maßnahmen der USA vom Dezember 2025 zum wirtschaftlichen Absturz und zu Unruhen beitrugen. Was zunächst als Protest gegen Armut, Währungszerfall und Teuerung begann, wurde rasch zu einer offenen Konfrontation mit dem Regime.
Die Opferbilanz
Der Aufstand gilt als der blutigste der 47-jährigen Geschichte der Islamischen Republik, viel fataler als die Protestwellen von 2009, 2017, 2018, 2019 und 2022. Weil das Internet zwei Wochen lang weitgehend gesperrt war, variieren die Todeszahlen erheblich: Die Regierung bestätigte mehr als 3.000 Tote; die US-basierte Organisation HRANA meldete über 4.029 bestätigte Tote und 9.049 weitere Todesfälle, die noch zu untersuchen wären, sowie 5.811 Schwerverletzte und 26.015 Festnahmen. Andere Schätzungen von im Iran eingesetzten Ärzt*innen gehen von bis zu 33.000 oder mehr Todesfällen aus. Videos zeigen, dass Konvois großer Kühllaster, die sonst für Gefriergüter genutzt werden, Leichen zu forensischen Einrichtungen transportieren. Friedhofs- und forensisches Personal berichteten, Behörden hätten auf schnelle Massenbestattungen gedrängt, um die tatsächlichen Zahlen zu verschleiern. Fotos zeigen Leichen mit Kopfschüssen aus nächster Nähe, während sie noch an Kathetern, Magensonden oder Endotrachealtuben angeschlossen waren, was darauf hindeute, dass Betroffene während medizinischer Versorgung getötet wurden. Nachdem die Spitäler durch die Sicherheitskräfte gestürmt, die Schwerverletzten durch Kopfschüsse getötet und Leichtverletzten verhaftet und an unbekannte Orte gebracht wurden, mieden viele Verwundete aus Angst, zwecks Behandlung in die Spitäler zu gehen.
Die politische Verantwortung
Die Proteste erfassten alle Provinzen und über 180 Städte. Die Protestbewegung wurde jedoch von Reza Pahlavi und monarchistischen Kräften der Diaspora politisch vereinnahmt. Pahlavi rief über X (Twitter) zu Straßenprotesten auf. Kurz darauf unterstützten auch Präsident Trump und der frühere US-Außenminister Mike Pompeo die Demonstranten per X mit öffentlichen Botschaften. Reza Pahlavi und Trump riefen zur Besetzung von Straßen und Plätzen auf, ohne Strategie oder organisatorische Vorbereitung zu haben. Für manche Demonstrierende bedeutet der Name Reza Pahlavi ein Symbol der Hoffnung oder ein Projektionspunkt in Zeiten politischer Unsicherheit, obwohl er selbst keine Entscheidungsgewalt im Iran hat, im Gegensatz zu dem damaligen Revolutionsführer Ayatollah Khomeini, der aus seinem Exil in Frankreich die iranische Revolution von 1979 gegen den damaligen Schah-Regime, den Vater von Reza Pahlavi, führte. Auf den öffentlichen Aufruf von Reza Pahlavi vom 8. Jänner 2026 und die daraus folgenden landesweiten Massendemonstrationen am Freitag, dem 9. Jänner, reagierte die Führung der Islamische Republik Iran mit äußerster Gewalt. Sämtliche verfügbaren Sicherheitskräfte wurden eingesetzt, insbesondere die berüchtigten paramilitärischen Einheiten der Basidj, um die eigene Bevölkerung systematisch und brutal niederzuschlagen. Der 9. Jänner sollte als der „Schwarze Freitag“ in die Geschichte der Islamischen Republik Iran eingehen, denn an diesem Tag soll es angeblich landesweit über 30.000 Tote und Tausende von Verletzten gegeben haben. Eine noch nie dagewesene „Nationale Tragödie“. Aus völkerrechtlicher Sicht tragen die Entscheidungsträger der Islamischen Republik Iran die Hauptverantwortung für die massenhafte Tötung und Verletzung der eigenen Bevölkerung, mutmaßlich Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Eine sekundäre politische Mitverantwortung für das Ausmaß der Gewalt ist jedoch auch Reza Pahlavi zuzuschreiben. Durch öffentlichkeitswirksame Aufrufe in sozialen Medien trug er aktiv zur Eskalation bei, indem er Menschen zum offenen Straßenprotest ermutigte, ohne über eine wirksame und erfolgreiche Demonstrationsstrategie, reale Machtmittel oder organisatorische Schutzmechanismen zu verfügen. Wer zur Konfrontation mobilisiert, ohne Wege zur Absicherung, Koordination oder Deeskalation anzubieten, handelt nicht mutig, sondern fahrlässig. Besonders problematisch war die von Reza Pahlavi verbreitete Rhetorik einer angeblich bevorstehenden „entscheidenden Schlacht“. In Verbindung mit bewusst geschürten Erwartungen auf eine internationale Intervention erzeugte sie eine gefährliche Illusion politischer Rückendeckung. Diese Illusion senkte die individuelle Risikowahrnehmung vieler Demonstrierender erheblich.
Regime am Ende?
Die Proteste zeigen zugleich die Widerstandskraft der iranischen Gesellschaft und die zunehmende Brüchigkeit eines Systems, das Reformen verweigert. Die Islamische Republik befindet sich an einem historischen Wendepunkt: Seit 1979 war das Mullah-Regime innenpolitisch noch nie in seiner inneren Legitimität so erschüttert und außenpolitisch so geschwächt wie heute. Wirtschaftliches Versagen, allgegenwärtige Korruption, Währungsverfall, Abwanderung von Iraner*innen in Ausland und jahrzehntelange Repression haben den gesellschaftlichen Konsens gänzlich zerstört. Auch außenpolitisch ist Irans Machtanspruch erodiert. Die regionale Führungsrolle wirkt ausgehöhlt, Abschreckung und Einfluss sind geschwächt. Diese Verwundbarkeit resultiert wesentlich aus eigenen Fehlentscheidungen: expansiver Milizenpolitik, nuklearer Eskalationsstrategie und ideologischer Verhärtung, die die internationale Isolation des Iran verstärkt haben. Zwar dürfte das Regime vorerst bestehen bleiben, doch es reagiert auf Druck mit weiterer Repression. Ohne grundlegende Reformen droht ein Kreislauf aus Protest und Machtdemonstration, ein Prozess der Zermürbung, der das Land weiter destabilisiert anstatt sich in Richtung einer demokratischen Politik zu bewegen.
Mögliche Zukunftsszenarien
Am 27. Februar haben Israel und die USA damit begonnen, zentrale Macht- und Militärstrukturen, Raketen- und Luftabwehrsysteme sowie nukleare Anlagen anzugreifen, um das Regime operativ zu schwächen. Teheran hat als Antwort die israelischen Städte und US-Militärstützpunkte in den benachbarten arabischen Staaten am Persischen Golf mit ihren Raketen angegriffen. Dadurch ist bereits eine regionale Eskalation ausgelöst worden und es ist zu befürchten, dass der ganze Konflikt außer Kontrolle gerät und die ganze Region in einen Flächenbrand verwandelt wird. Ein möglicher Regimewechsel scheint kaum kontrollierbar zu sein und die Eskalation könnte in Instabilität und anhaltende Gewalt in der ganzen Region münden. Ein zweites Szenario wäre ein unkontrollierter Staatszerfall. Unter äußerem Druck und anhaltenden Protesten könnte das System implodieren, ohne dass ein geordneter Übergang oder eine handlungsfähige Nachfolgestruktur entstehen. Ein Machtvakuum, rivalisierende Sicherheitsapparate, der Zusammenbruch staatlicher Dienstleistungen und schwere wirtschaftliche Verwerfungen würden Iran in eine langanhaltende Krise stürzen. Regionale Akteure könnten Einflusszonen etablieren, während die Bevölkerung zwischen Gewalt und Armut geriete. Parallelen zu Libyen oder Syrien wären naheliegend, mit potenziell noch gravierenderen Folgen. Aus außen- und regionalpolitischer Sicht ist die Lage äußerst prekär. Die diplomatischen Mechanismen, die den Konflikt bislang eingedämmt haben, sind weitgehend außer Kraft gesetzt. Europa spielt als Vermittler faktisch keine Rolle mehr, zumal es seit dem Abschluss des Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA), bekannt als das iranische Atomabkommen von 2015, keine aktive Iran-Politik betrieben hat. Russland ist durch den Krieg in der Ukraine gebunden und scheut zusätzliche Verpflichtungen. China verhält sich zurückhaltend und ist nicht bereit, irgendeine Form von Führungsrolle in der Region zu übernehmen. Auch die Staaten der Region bemühen sich zwar um Vermittlung, bereiten sich jedoch zugleich auf ein Scheitern vor. Für Iran und den Nahen Osten stellt sich daher weniger die Frage, ob eine Eskalation verhindert werden kann, sondern wie groß der Schaden sein wird, bevor sie sich weiter zuspitzt.
Putsch als Ausweg?
Nach den israelischen Militärschlägen, bei denen über dreißig hochrangige Revolutionsgardisten und Armeekommandeure getötet wurden, dürfte eine neue Offiziersgeneration in Führungspositionen nachrücken. Daraus ergeben sich zwei gegensätzliche Szenarien: ein Militärputsch mit repressiver Machtübernahme oder ein reformorientierter Neuanfang. Im ersten Fall könnten IRGC oder Armee die Herrschaft der Mullahs beenden und selbst die Macht übernehmen, mit verschärfter Repression und internationaler Isolation. Eine solche Entwicklung würde den Demokratisierungsprozess um Jahre zurückwerfen und Iran in ein zweites Nordkorea verwandeln. Im zweiten Fall könnte eine neue Führung einen pragmatischen Kurs einschlagen: internationale Deeskalation und innenpolitische Reformen, hin zu einer säkularen Verfassung, freien Wahlen, Freilassung von politischen Gefangenen und garantierten Menschenrechten. Ob ein solcher Übergang realistisch ist, bleibt fraglich. Sicher ist jedoch: Die Islamische Republik, die aus dieser Krise hervorgeht, wird nicht mehr dieselbe sein, zumal der Kampf der Iraner*innen für Freiheit und Demokratie sowie Achtung der Menschenrechte unentwegt weiter bestehen bleibt.