Abschied vom Neoliberalismus? Wie Zölle, Sanktionen und Kontrollen die Spielregeln ändern

Unternehmen stehen heute im Zentrum einer weltweiten geopolitischen Neuordnung, in der nationale Sicherheit immer stärker wirtschaftliche Entscheidungen bestimmt. Bis Anfang 2020 war die Weltwirtschaft durch eine expandierende Globalisierung geprägt, in der Rohstoffe, Produkte, Dienstleistungen und Kapital rund um den Globus transportiert wurden, bevor sie ihr endgültiges Ziel erreichten. Für Unternehmen führte diese Ordnung zu hocheffizienten Lieferketten, global zugänglichen Absatzmärkten und einem durch die WTO abgesicherten Ordnungsrahmen, der Transaktionskosten reduzierte und Stabilität schuf. Doch diese globalisierte Ordnung befindet sich im Zerfall. Fragmentierung, De‑Globalisierung und eine zunehmende sicherheitspolitische Logik statt neoliberaler Effizienzdoktrin prägen die neue Realität. Staaten setzen vermehrt auf Sanktionen, Zölle, Exportkontrollen und Investitionsbarrieren, um ihre sicherheitspolitischen Interessen durchzusetzen. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass die Wohlfahrtseffekte und politische Macht der globalisierten Ökonomie sowohl global, und oft auch national ungleich verteilt sind.

Fundamentale Veränderungen für Unternehmen

Für Unternehmen bedeutet dies eine fundamentale Veränderung ihres Handlungsrahmens: Sie stehen nicht mehr ausschließlich im Wettbewerb um Märkte, sondern fungieren zunehmend als sicherheitspolitische Akteure – bewusst oder unbewusst. Die Dominanz geopolitischer Strategien wird die globalen Wirtschaftsbeziehungen so lange prägen, bis der Übergang zu einer multipolaren Weltordnung abgeschlossen und ein neues Machtgleichgewicht etabliert ist. Nicht nur China und die USA verfolgen diese Logik. Die Europäische Union hat ihrerseits wirksame geoökonomische Instrumente geschaffen, um sich gegen politischen Druck zu behaupten. Die schnelle Einführung umfassender Sanktionen gegen Russland nach dem Angriff auf die Ukraine 2022 zeigte erstmals die neue Reaktionsfähigkeit Europas. Gleichzeitig lösten die westlichen Sanktionen weltweite Reaktionen aus: China beschleunigte seine Bestrebungen, Abhängigkeiten vom Westen zu reduzieren, während Russland, Iran und weitere Staaten alternative Handelskanäle aufbauten. Geopolitische Konflikte münden heute in eine dynamische Sanktionsspirale: Einführung von Restriktionen, Schließung von Schlupflöchern und schließlich deren konsequente Durchsetzung. Parallel entwickeln Staaten und Unternehmen immer ausgefeiltere Strategien zur Umgehung oder Absicherung gegen solche Maßnahmen.

Neo-Realismus impliziert eine neue Rolle für Unternehmen

In diesem Umfeld kommt Unternehmen eine zentrale Rolle für nationale Sicherheit zu. Erstens als Betreiber kritischer Infrastruktur – Energie, Gesundheit, Transport, Kommunikation und Finanzen – deren Ausfall unmittelbare sicherheitspolitische Auswirkungen hätte. Zweitens kontrollieren sie Schlüsseltechnologien wie Halbleiter, KI, Robotik, Biotechnologie oder pharmazeutische Innovationen. Diese Technologien sind heute nicht nur wirtschaftliche Wettbewerbsfaktoren, sondern Instrumente geopolitischer Machtprojektion. Drittens verfügen Unternehmen über globale Datenströme, Kommunikationsnetze und digitale Plattformen, die potenzielle Angriffsflächen, aber auch sicherheitspolitische Ressourcen darstellen. Viertens bilden internationale Lieferketten die Lebensadern nationaler Volkswirtschaften. Ihre Störung – sei es durch Sanktionen, Naturkatastrophen oder politische Instabilität – kann kritische Produktionslinien gefährden.

Damit rücken Unternehmen zwangsläufig in den Fokus staatlicher Sicherheitsstrategien. Von ihnen wird erwartet, sich an Exportkontrollen zu halten, technologische Souveränität zu unterstützen, kritische Lieferketten abzusichern und in Frühwarnsysteme zu investieren. Behörden sehen Unternehmen in der Rolle, aktiv zur Resilienz nationaler Strukturen beizutragen: durch Investitionen in Cybersecurity, Aufbau redundanter Kapazitäten, sowie de-Risking Maßnahmen.

Im Spannungsfeld institutioneller Logiken

Gleichzeitig müssen Unternehmen Entscheidungen vor dem Hintergrund konkurrierender institutioneller Logiken treffen: der ökonomischen Logik globaler Effizienz und der politischen Logik nationaler Sicherheit. Diese Konflikte betreffen Standortwahl, Investitionen, Lieferketten, Technologiekooperationen und Datenmanagement. Strategische Reaktionen reichen von symbolischem Management über selektive oder dynamische Kopplungsstrategien bis hin zur vollständigen Anpassung an politische Vorgaben – abhängig davon, wie präzise und wie bedrohlich die jeweiligen staatlichen Maßnahmen ausgestaltet sind.

Besonders sichtbar wird dies in technologisch sensiblen Branchen. Je strategischer eine Industrie für nationale Sicherheit ist – etwa Halbleiter, Rüstung, Pharma, Digitalinfrastruktur oder Energiesysteme – desto stärker der Druck auf Unternehmen, Wertschöpfungsketten zu regionalisieren oder in „befreundete“ Länder zu verlagern. Friendshoring, Reshoring oder zumindest Dual‑Sourcing sind zunehmend politisch erwünscht und wirtschaftlich notwendig. Unternehmen müssen daher identifizieren, welche Teile ihrer Lieferketten potenzielle sicherheitsrelevante Abhängigkeiten darstellen. Dies umfasst Zuliefererstrukturen, Datenstandorte, technologische Komponenten und Patente. Viele Firmen verlagern bereits zentrale Prozesse in geopolitisch stabile Regionen oder schaffen Redundanzen, um politisch motivierte Unterbrechungen abzufedern.

Auch im Bereich der Cyber‑ und Informationssicherheit tragen Unternehmen eine deutlich größere Verantwortung. Angriffe auf Unternehmen können nationale Sicherheitsinteressen gefährden, wie etwa Manipulationen bei Unternehmen der kritischen Infrastruktur zeigen.

Globoligarchen als neue Player

Dabei ist ein weiteres neues Phänomen tiefergehend zu analysieren, nämlich Globoligarchen, die meist als Tech-Milliardäre sowohl unverhältnismäßig großen finanziellen Reichtum, als auch enormen politischen Einfluss erlangten. Dass Schlüsseltechnologien wie Starlink, die im aktuellen militärischen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine entscheidenden Einfluss haben, aber der Diskretion eines privaten Unternehmens in der Hand eines Globoligarchen unterliegen, ist aus sicherheitspolitischer Perspektive besorgniserregend.

Die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre besteht darin, wirtschaftliche Interessen mit nationalen Sicherheitsimperativen zu harmonisieren.

Johannes LEITNER

Johannes Leitner ist Mitgründer und geschäftsführender Gesellschafter von LM Political Risk and Strategy Advisory in Wien, Österreich. Er verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung in den Bereichen geo/politisches Risikomanagement, Trade Compliance Management und globale Unternehmensstrategie. Er ist akademischer Leiter des EMBA-Programms Global Management an der Hochschule für Wirtschaft, Management und Finanzen Wien und Vorstandsmitglied der Political Risk Studies Association (PRSA). Zudem ist er Affiliated Researcher am Österreichischen Institut für Internationale Politik (OIIP). Er war Visiting Scholar an der Stockholm School of Economics und unterrichtete unter anderem an der Higher School of Economics in Moskau, und der Rotterdam School of Management, Niederlande.

Zuletzt erschien Anfang 2025 das „Routledge Handbook of Political Risk“, in dem er Mitherausgeber ist und u.a. ein Kapitel zu Strategien zum Management geopolitischer Risiken für international tätige Unternehmen verfasste.

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