Zum Ableben von Thomas Nowotny
Von Wolfgang Petritsch
Es ist wohl unserem digitalen Zeitalter geschuldet, dass die Nachricht vom Ableben meines verehrten Freundes und langjährigen Kollegen Thomas Nowotny mich gleich über mehrere Kanäle nahezu gleichzeitig erreicht hat.
Mit großer Wehmut denke ich an Tommy, an unsere langjährige Freundschaft, die ich als eine einzigartige Kette von abendlichen Gesprächen, spannenden Diskussionen, Empfehlungen von neuen Büchern oder wissenschaftlichen Beiträgen über internationale Politik erlebt habe.
Tommy konnte sich auch über den Zustand unserer Republik engagiert auslassen, aberzugleich den unserer Generation als Mirakel erscheinenden Aufstieg bewundern, wie er in einem seiner Hauptwerke, Strawberries in Winter.On Global Trends and Global Governance,festhält.
Wie kaum ein anderer hat Tommy, der als außenpolitischer Mitarbeiter von Bundeskanzler Bruno Kreisky von 1970 bis 1975 die prägende Ära von Österreich II mitgestaltet hat, seinen diplomatischen Beruf mit dem des öffentlichen Kommentators zu verbinden gewusst.
Es kam daher auch nicht von ungefähr, dass Tommy als langjähriger Leiter der Grundsatzabteilung am Ballhausplatz den Außenpolitischen Bericht zu einem unverzichtbaren Nachschlagwerk über Österreichs diplomatische Beziehungen fortentwickelt hat. Ebenso wichtig wie die bilateralen waren ihm die multilateralen Angelegenheiten, zumal mit der Eröffnung der UNO-City und dem KSZE-Prozess Österreichs internationales Standing in den reformorientierten 1970er Jahren entscheidend geprägt wurde.
In zahlreichen Büchern und Papers hat Tommy mit großer Akribie und umsichtiger Leidenschaft den Zustand der Welt analysiert. Sein umfassendes Wissen, diese stete Neugierfür neue Entwicklungen, kurz, für all das, was die Welt im Innersten zusammenhält, hat Tommy nicht bloß mit seinen Kolleg:innen gerne geteilt. Er war überdies ein begeisterter Universitätslehrer. Da hat er seine internationalen Erfahrungen als Berater der Europäischen Bank für Wiederaufbau undEntwicklung in London ebenso eingebracht wie die Erfahrungen seiner Pariser Jahre als OECD-Konsulent.
Immer wieder haben sich unsere beruflichen Wege gekreuzt. Von Paris und London bis New York, wo er sich als österreichischer Generalkonsul zweifellos am wohlsten gefühlt hat. In der Weltmetropole des ausgehenden 20. Jahrhunderts fühlte er sich wie zuhause.
Jeder offizielle Vertreter wird in New York von dem eigenen Gesichte eingeholt. Dort hat sich Tommy um die Überlebenden jener verdrängten Geschichte Österreichs rührend gekümmertund den vertriebenen Wiener Jüdinnen und Juden ein Modicum an Heimat geboten.
Sein Engagement für die Sozialdemokratie war Tommy bis zuletzt besonders wichtig. In zahllosen Publikationen, Vorträgen und Positionspapieren hat er sich als jene rare Species eines österreichischen public intellectual bewiesen.
So hat er 2016 Das Projekt Sozialdemokratie veröffentlicht; ein Plädoyer für eine europäisch codierte soziale und demokratische Moderne. Die 2024 veröffentlichte SPÖ Sicherheitsstrategie – ein Dokument auf der Höhe unserer Zeit - trägt wesentlich Tommys Handschrift.
Er war, das ist gewiss, ein stets wissbegierig Lernender. Das hat sich in den Diskussionen mit dem damaligen Traiskirchner Bürgermeister Andi Babler ebenso eindrücklich manifestiert, wie a den Themenabenden der von ihm geförderten Initiative Demokratische Außenpolitik (IDA). Noch Anfang letzten Jahres hat er sich vehement dafür eingesetzt, dass die SPÖ in die Regierung eintritt. Wie viele von uns wollte er verhindern, dass mit dieser FPÖ an der Macht, die Werte der Solidarität und der multilateralen Zusammenarbeit verraten werden. Denn dafür hat er sich zeitlebens eingesetzt.
Freilich ist Thomas ohne seine verehrte Partnerin - und unsere bewunderte Kollegin - Eva Nowotny nicht vorstellbar.
Ihr, seiner Tochter Katinka und den zwei geliebten Enkeln gehört unser tiefes Beileid.
Eva und Thomas als power couple zu bezeichnen ist keine wohlmeinende Übertreibung, sondern das Ergebnis eines erfüllten gemeinsamen Lebens, in dem das geliebte Segelboot und ein gemütliches Landhaus nicht zu kurz gekommen sind.
Adieu Tommy…